Der mit den Farben tanzt

PORTRAIT VON BEATE BARREIN: Der Künstler Erdogan Bulut kam mit 20 Jahren nach Deutschland, um sich ganz der Kunst zu widmen. Mittlerweile hat er in Hannover eine Akademie und eine Galerie mitgegründet – und malt Bilder von comic-haften Figuren in verschachtelten Strukturen.

Es gibt sie nicht, die typische türkische Künstlerin oder den typischen türkischen Künstler. Sie stammen mehr oder weniger aus dem Land am Bosporus, mal aus Istanbul, mal aus dem kurdischen Osten, mal wurden sie in Deutschland geboren oder anderswo. Die meisten werden von den mitunter langjährigen Arbeits- und Stipendienaufenthalten beeinflusst. Internationale Medien und das Internet prägen überall die Inspiration.

In Hannover versuchen derzeit die Kulturdezernentin Marlis Drevermann und der türkische Generalkonsul Mehmet Günay, das Schaffen türkischstämmiger oder türkischer Künstler vorzustellen. Sie haben die „Deutsch-Türkischen Kulturtage“ ins Leben gerufen: Zum Programm gehört beispielsweise eine Ausstellung zeitgenössischer KünstlerInnen aus Istanbul, die im Kunstverein Hannover gezeigt wird.

Bis Ende Januar 2014 gibt es immer wieder Ausstellungen und Veranstaltungen und einer, der auch noch da sein wird, wenn die deutsch-türkischen Kulturtage vorbei sind, ist der Künstler Erdogan Bulut: Er ist seit 1980 in Deutschland und seit dem Jahr 2000 in Hannover, wo er eine Akademie und eine Galerie mitbegründet hat.

Bulut, 52, sitzt in der Galerie K9 in Hannover, im Hintergrund hängen seine neuesten Arbeiten, die er dort noch bis Anfang Oktober zeigt. Als 20-Jähriger schmiss er seinen lukrativen Job als Topograf und wollte malen. Außerdem drückte der nahende Militärdienst. „Wenn man etwas innerlich machen will und nicht kann, dann quält man sich.“ So plünderte er sein Erspartes, sammelte bei der Familie, bat seine Eltern im osttürkischen Städtchen Palu um Verständnis und ging nach Deutschland – kurz vor seiner Einberufung, kurz vor dem Militärputsch 1980.

In Deutschland hoffte Bulut auf eine freiheitlich-demokratische Kunstausbildung, die er mit zehn anderen ausgewählten Studienanfängern an der renommierten Städelschule in Frankfurt erhielt. Er lernte von den Professoren Per Kirkeby und Thomas Bayrle. Er malte drauf los, zwischen Realismus und Abstraktion.

Ein Platz zum Malen

„Nach einer Weile kam Kirkeby zu mir und fragte mich, ob ich Arshile Gorky kennen würde. Als ich seine Bilder sah, erkannte ich, dass ich unbewusst so gemalt hatte, wie mein Landsmann vor 50 Jahren. Ich war enttäuscht und begann alles rauszuschmeißen, was nicht zu mir gehörte.“

Buluts Kunst reifte. Im zehnten Semester stellte er mit fünf anderen aus. Er verkaufte Bilder, die Galeristen kamen und fragten. Bulut entschied sich unter anderem für die Galerie Bernd Slutzky, Frankfurt, die sofort eine Ausstellung startete und fast alle der 35 Exponate verkaufte.

Dann folgten Ausstellungen in den USA, Venedig, Köln und Hannover. „Hauptsache aber, ich habe einen Platz zum Malen.“ Diese Bescheidenheit nimmt man ihm ab. „Ich tanze mit den Farben und Formen“, sagt Bulut.

Als er an seiner „Playground“-Serie für die hannoversche Galerie K9 arbeitete, hatte er für jedes Bild ein Thema und ließ seine Gedanken, Farben und Formen herausfließen. „Von links oben. Ich bin Linkshänder.“ Ohne Vorskizzen, ohne Pause, bis alles raus ist. Das kann vier Stunden am Stück dauern vor den rund zwei Meter breiten und hohen Leinwänden. Der nächste Schub könnte sofort oder in zwei Wochen kommen.

Wer nun wirbelnde Bildmotive erwartet, irrt. Dieses Tanzen ist ein innerer Prozess, mit dem er die Motive aus seiner Imagination heraus konkretisiert. Es sind verschachtelte Bilder mit humanoiden Figuren, mit Landschaften, Maschinenkonstrukten, Leitern, Zäunen. Alles mit comichaften, mal zarten, mal starken Linien umfasst. „Damit versuche ich mich auf der Leinwand zu disziplinieren. Bilder bestehen aus Grenzen und explodieren dann.“

Vor der Farbe Weiß hat er die Angst überwunden. „Weiß verlangt Ehrlichkeit und ich bin sehr ehrlich zu mir.“ Kunsthistorikerin Dorothee Baer-Bogenschütz attestierte dem Maler in einem Katalog von 1991: „Bulut kultiviert sein Gespür für die archaische Form, für Poesie und Traum und für die Einflüsse des ganz Alltäglichen auf das persönliche Befinden.“

Zur Expo 2000 reist Bulut aus Frankfurt nach Hannover und erfährt, dass der Studiengang Bildende Kunst geschlossen werden soll. Er zieht kurze Zeit später in die niedersächsische Landeshauptstadt und gründet 2004 mit anderen die staatlich anerkannte Freie Akademie der bildenden Kunst mit den Schwerpunkten Malerei, Comic und Animation. Seine vorherige Lehrerfahrung an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main kommt ihm da zu Gute.

Auch für die Galerie K9 in Hannover war er ein Wegbereiter. Mit seiner ersten Ausstellung dort, 2003, zog er Käufer, Sammler und Galerien mit in die Leinemetropole. Eine Stadt, von der er nach zehn Jahren immer noch sagt, dass die Menschen dort weltoffener sein könnten. Das begegne ihm nicht nur im Alltag, sondern auch als Künstler. So hätten Museen in letzter Minute von Ankäufen abgesehen.

Buluts Welterfahrung vermischt mit den Bildern, die er täglich im Fernsehen sieht, nährt seine Kunst. „Als Künstler und Mensch fühle ich mich für den Planeten, auf dem ich Gast bin, verantwortlich.“ In seiner aktuellen Ausstellung geht es um die Zerstörung der Erde und um das Banalisieren einer Atomkatastrophe. Gleichzeitig wächst in Bulut schon der nächste Schritt heran: Immer wieder taucht in den letzten Arbeiten ein Häuschen mit Grundstück auf. „Ich werde Deutschland irgendwann verlassen, aber nicht, um in die Türkei zurückzukehren. Vielleicht wird es Südamerika.“

„Bilder bestehen aus Grenzen und explodieren dann“, Erdogan Bulut

24. SEPTEMBER 2013 TAZ.DIE TAGESZEITUNG : zum Artikel >>