Pferd und Reiter 1990

Schaukler_1988_145x170_Oel/Nessel

Schaukler, 1988, Öl/Nessel 145×170 cm

Text von Thomas Bayrle, Frankfurt am Main, Juni 1990

… ein guter Maler sein heißt: Pferd und Reiter gleichzeitig sein … das Pferd trägt den Reiter – der Reiter trägt aber auch das Pferd … Pferd – das Material – die Summe der stofflichen Möglichkeiten – Farben – Gründe – Öle – Bindemittel und ihre vielen Beziehungen untereinander. Reiter steht für den inhaltlichen Antrieb – Wo will ich hin? – Was will ich überhaupt mit welchen Mitteln formen?

Den Ausgleich – die Deckung dieser Kräfte in einer Arbeit – in einer Art Ringkampf zu erreichen – ist die Form, die ich bei Erdogan Bulut seit einiger Zeit beobachten kann. Viele Maler – so scheint mir das – arbeiten im unklaren – in einer ziellosen Planlosigkeit – und hoffen, im „Prozeß“ auf etwas „zu stoßen“ – davon halte ich wenig – obwohl ich im dunkeln tappe – muß ich „wissen“, was ich will und wie ich das Material dazu bringe, „es zu tun“.

Bulut treibt die „Bestandteile“ seiner Malerei vor sich her – Massen werden dauernd verlagert – schwer wie Beton in einer Mischmaschine. Er arbeitet oft monatelang „aussichtslos“ an einem Bild herum – verrutscht Figuren und Fragmente kreuz und quer durch den Raum der Leinwand – bis sie irgendwann zum Stillstand kommen – oder es bilden sich Formen aus anderen Formen und verschwinden wieder – um anderswo verwandelt sich wieder durchzudrücken – als Bestandteil einer komplexen Konstellation …

Beim Malen hat Erdogan Bulut viel Zeit. Alte Erlebnisse werden als Gedankenfetzen belichtet und kommen herauf … Tiere und Menschen – ganz nah zusammen – im Dorf – „Als Kind habe ich mir mein Spielzeug aus Draht und Lehm geformt“, sagt er. Davon ist viel in seiner Arbeit anwesend – und das ist was!