Trauer und Ironie

Im_Bus_in_Istanbul_1991_180x160cm

Im Bus in Istanbul, 1991, Öl/LW, 180 x 160 cm

Text von Dr. Hans Zitko, Frankfurt am Main, November 1994

Orakel_55cm

Orakel, 55 cm

Der Prozeß, in dem die Bilder von Erdogan Bulut entstehen, entbehrt zu Beginn eines jeden kompositorischen Konzepts. Zunächst ist es nicht eine innere Vorstellung oder ein bereits fixierter Entwurf, der die Arbeit bestimmt, sondern ein Zustand emotionaler Gespanntheit, der zur sinnlichen Form hindrängt, dabei selbst aber noch bilderlos ist.

Buluts Malerei entsteht aus dem Dunkel einer Empfindung, die die malerischen Prozeduren anstößt, welche anschließend die bildnerische Szenerie entwickeln.

Der erste Schritt ist in der Regel ein frei improvisierter gestischer Malablauf, der auf der Leinwand eine bewegte Struktur zurückläßt, in der sich erste Ansätze von Formen abzeichnen, ohne indessen schon deutlich faßbar hervorzutreten. Der Maler sucht in dem unkontrolliert entstehenden Netz der Pinselschrift Konstellationen, in denen sich seine Formphantasie einnisten und entfalten kann.

Was sich dabei auf der Fläche in einem Zusammenwirken von Wahrnehmung und Imagination zunächst nur keimhaft ankündigt, wird in der Folge ins gestalthafte Dasein gehoben. Auf der Basis der zumeist schwarz angelegten malerischen Grundtextur kristallisiert sich schließlich in sukzessiven Arbeitsschritten – unter dem Einsatz der Farbe – die kompositorische Ordnung des Bildes.

Der Maler setzt bei der Produktion von Bildformen auf Impulse, die sich unabhängig vom kontrollierenden Bewußtsein durchsetzen, womit er in eine gewisse Nähe zu den Praktiken des klassischen Surrealismus rückt. Mit diesem teilt er das Interesse an der Offenlegung einer latenten psychischen Realität und eine ins Irreale übergehende hermetische Formensprache.

Seine Bildwelt, die aus dem Unbestimmten und Formlosen herauswächst, ist imaginärer Art, der Logik des Traumes verwandt, mit einer deutlichen Distanz zur konkreten sinnlichen Welt, dabei keineswegs gegenstandslos, sondern in ihrer Weise stets dem Figurativen zuneigend. Die Bilder zeigen allenthalben Formen, die jenseits einer unmittelbaren Bezugnahme auf Gegenständliches dennoch vielfach an Dinge und Strukturen der Realität erinnern.

Was sich hier an Momenten der Erfahrungswelt wiederfindet, hat einen Transformationsprozeß durchlaufen, eine mehr oder minder starke Abwandlung, Verzerrung oder Dekomposition der Gestalt, wodurch sich eine Wirklichkeit zweiter Ordnung entfaltet.

Oft sind es eigenartige und  skurrile Lebewesen und Organismen, die sich im Zuge der malerischen Arbeit auf der Fläche ansiedeln und das Bild in ein surreal erscheinendes Biotop verwandeln. Als Inspirationsquelle stehen dabei nicht zuletzt tierische Formen im Hintergrund, die die Einbildungskraft des Malers offenbar anhaltend beschäftigen und in seiner Figuration immer wieder umgeformt und verfremdet auftauchen.

Die Bildformen, die der Maler entwickelt, sind das Produkt einer Imagination, die eine symbolische Sphäre eigener Art konstituiert. Buluts Malerei eröffnet einen Raum, in dem sich stets Zusammenhänge der eigenen Geschichte und Erfahrung in verschlüsselter Form darbieten.

Das bildnerische Denken liefert hier – ähnlich wie die Arbeit des Traumes, in der unbewußte Impulse in eine sinnliche Symbolsprache übersetzt werden – Zeichen und Metaphern, die durch eine entsprechende Lektüre dem Verständnis näher zu bringen sind.

Der Gesamtzusammenhang einer Komposition gleicht vielfach einer theatralischen Szene mit unterschiedlichen Rollenträgern, einer bestimmten Verteilung der Akteure auf der Fläche und einem Netz von Beziehungen, das sich zwischen ihnen ausspannt.

Die Leinwand ist Schauplatz eines Dramas, in dem die Figuren aufeinandertreffen und in Verhältnisse wechselseitiger Anziehung oder Abstoßung treten. In den Bildern sind dabei stets Haupt- und Nebenfiguren zu unterscheiden. Die Beziehungen zwischen ihnen gestalten sich – wie der Maler selbst hervorhebt – oft hierarchisch und widerspruchsvoll, ohne daß sich zunächst Möglichkeiten zu einem versöhnenden Ausgleich eröffneten.

Im Zentrum solcher Bilder stehen Brüche, Konflikte und Dissonanzen, die den sozialen Raum erschüttern und das Leben des Einzelnen schicksalhaft bestimmen. Weit davon entfernt, mit seiner Kunst die schmerzlichen Seiten des Daseins auszuklammern und nur den Gesetzen der reinen Form zu folgen, bleibt Bulut den Widersprüchen des Lebens zugewandt; seine Malerei ist ein Medium, in dem sich drängende und ungelöste Probleme selbst noch der politischen oder ökologischen Realität Ausdruck verschaffen.

Die Dimension des Tragischen findet indessen nicht selten eine bestimmte Brechung durch formale Praktiken der Darstellung, die das dramatische Geschehen in einem veränderten Licht erscheinen lassen. Der Maler, der in der Handhabung seiner bildnerischen Mittel abstrakte und figurative Tendenzen verarbeitet, läßt seine Bildszenen vielfach ins Komische und Groteske übergehen.

Durch entsprechende Formen der Stilisierung des Gegenstandes, die auf Verfahren der Karikatur zurückweisen, nähert sich die Bildsprache dabei verschiedentlich den Ausdrucksformen des Comicstrips. Der Maler, der hiermit Elemente der Trivialkultur aufnimmt, bekundet auf diese Weise eine gewisse Affinität zu den Strategien der Pop Art.

Der Humor und Witz, der in so manchen Kompositionen des Malers hervortritt, ist zweifellos Ausdruck eines Bestrebens, die in den Bildern symbolisch aufbrechen den Konflikte in eine gewisse innere Distanz zu rücken; die Heiterkeit, die die ins Groteske übersetzte Szene auslöst, entbindet von ihrer bedrohlichen Qualität. Ebenso wie in der Logik des Traumes werden die virulenten Gehalte nur um den Preis einer Verwandlung auf dem Schauplatz des Dramas präsentiert.

Als ein Vermögen, das die bedrängenden Phänomene in einen Abstand rückt, ist der Humor zugleich ein Organ der Erkenntnis und Reflexion, die sich in dem eröffneten Spielraum entfalten kann; die Ironie trifft sich hier mit dem Interesse des Wissens.

Dennoch lauert in solchen symbolischen Praktiken eine Gefahr, die in entsprechenden Produkten der Massenkultur überdeutlich hervortritt. Der Hang zur Komik, der die Karikatur beflügelt, kann – sofern er nicht selbst auch relativiert wird – die deformierten Lebenszusammenhänge derart umformen und verzerren, daß sie schließlich hinter den Bildern einer trivialen Posse verschwinden.

Bulut antwortet auf dieses Problem, indem er die Figuration in ein bestimmtes malerisches Milieu einbindet – vielfach werden die Akteure vor einem dunklen oder farbig gedämpften Hintergrund präsentiert -, das den Blick auf jenen beunruhigenden Kern des Geschehens offenhält. Durch expressive Qualitäten in Farbe und Pinselschrift werden dem Geist der Ironie Grenzen gezogen, ohne daß er sich dabei verflüchtigte. Das Resultat ist ein ambivalentes Bild, in dem das Moment der Heiterkeit dicht neben einer Trauer steht, in der sich ein Bewußtsein über den tragischen Hintergrund der Ereignisse ausdrückt.

Buluts künstlerische Arbeit macht den Versuch, Konfliktpotentiale, die oft der Verdrängung unterliegen, zu bearbeiten und wenn möglich aufzulösen. Der Kampf wird mit den Mitteln eines bildnerischen Prozesses geführt, der die brisanten Konstellationen offenlegt und ihnen zugleich durch Ironie und Reflexion die absolute Macht entzieht.

Malerei ist hier ein Instrument, das den blinden Zwängen in der inneren Natur ebenso opponiert wie jener Gleichgültigkeit, die über die bedrohten Wesen und Dinge in der äußeren Welt ungerührt hinweggeht. Daß ein Zustand jenseits einer verfehlten individuellen und kollektiven Geschichte möglich ist, demonstrieren jene Bilder aus seinem Werk, in denen der dramatische Knoten verschwunden zu sein scheint.

Hier treten sinnliche Kräfte in den Vordergrund, in denen sich Lebenslust ausdrückt, die dem Erotischen zuneigen und für eine wechselseitige Affinität der Einzelwesen sprechen. Buluts Kunst ist an einer Versöhnung interessiert, durch die an die Stelle von Destruktion und Gewalt andere Formen der Interaktion treten.