Verwirrende Klarheit

Reiter Kurdistan Nr.1, 1989, Öl/Nessel, 190x140 cm

Reiter Kurdistan Nr.1, 1989, Öl/Nessel, 190×140 cm

Zur Malerei von Erdogan Bulut von Prof. Dr. Dr. Harald Brost, Berlin, Juni 1990

Die zerfließende Vielfalt der Moderne formal zu bändigen, oder aber nach einer Explosion die Reste der vom Himmel herabstürzenden Teile zu ordnen, so wirkt vieles auf den ersten Eindruck, was Erdogan Bulut in Bildern festgehalten hat. Mit dem Hilfsmittel biografischer Daten können wir einiges ertasten, was der als Kurde in der Türkei geborene Maler in Botschaften zu vermitteln hat. Und zugleich drängen sich Analogien zu Exilanten auf – insbesondere zu Arshile Gorky, dem in der Türkei geborenen Armenier und in New York verstorbenen Maler. Die Arbeiten Erdogan Buluts erscheinen vor diesem Hintergrund wie eine sich bestätigende Kontinuität – gleichsam wie eine stetig brodelnde Energie, die sich ebenso diszipliniert, wie sie zum anderen hilflos Einbrüchen und Schwankungen unterliegt. Selbst die Monotonie grauer Regentage löst im Inneren dieser Künstler fiebrige Zustände aus. Aus dieser Fiebrigkeit wird mit Unrast gestaltet, erwächst eine verschwenderische Fülle farbiger Impressionen, bei denen die lebendigen Farbflecken sich nicht klar gegen das Umfeld so behaupten können, daß klar wird, wer dort am Ende siegt.

Anfang der achtziger Jahre kommt der ausgebildete Topograph nach Deutschland und findet auch schnell den Zugang zur Frankfurter Hochschule und hier den künstlerischen Rat von Thomas Bayrle und Per Kirkeby. Zum eigenen Marschgepäck gehören die in der kurdischen Heimat verwurzelte Gefühlswelt, eine seit der Kindheit geprobte Empfindsamkeit für Farben und/aber auch das Konfliktpotential hochgradiger Zerrissenheit zum ungeliebten Beruf, zum Traditionsverständnis der Eltern und zur Indoktrination des Islam. Die in der Malerei gewonnene Freiheit vermittelt den sozialen Kontakt, sichert ein formales Bändigen der Unvereinbarkeiten. Dank der Farben wird der latente Druck auf die Seele gemildert, die farbigen Arbeiten wägen ab und schlichten im Konflikt zwischen Subjekt und Objekt. Die so partiell gewonnene Besonnenheit ist nicht Reflex von Stimmungslagen; es sind Momentaufnahmen, die in heftiger Virulenz entstehen. Die äußerlich sichtbare Erregung weist letztlich auf die allgemeine Trauer über jene menschliche Unfähigkeit zur wirklichen Lösung sozialer Spannungen. Erdogan Bulut hat biografische Einschnitte verarbeitet, die essentielle Brüche und unwägbare Wagnisse widerspiegeln, die Qualität des Neubeginns paart sich mit Hoffnungslosigkeit. Der Zwang zur Kunst dankt mit Erfahrung.

Der Tanz lebendig-warmer Farben verflüchtigt sich zum Anschein tanzender Schatten. Der Einsatz schwarzer Konturen schafft surreale Bezüge zu Fesseln, in denen die Momente der Wahrheit immer wieder wie eine beschwörende Vision aufbegehren. Die Gesamtwirkung gleicht dem Ablauf der Leiden des Prometheus; die Bilder Erdogan Buluts vermitteln erdbebenhafte Effekte, denen sich alle malerischen Mittel unterordnen. Licht und Fessel ringen um den Sieg. Allen Arbeiten liegt ein Aufleuchten der Wahrheit wie ein surreales Moment zugrunde und verspricht als Hoffnung einen Augenblick des Wahrhaften.

Bilder dieser Kraft entstehen immer dann, wenn sich der Betroffene in einer unendlichen Einsamkeit, in einem Wechselbad von Zuneigung oder Verrat oder in einem Fieberrausch als seelisch Verstümmelter fühlt. So mischen sich Abstraktion und Surrealismus zu einer Neuwelt, in der die Bilder als Inseln der Sicherheit wirken, Schutz vor falscher Identität geben, und die Gefühle der Zerbrechlichkeit und Verzweiflung mit einem künstlichen Wall umschließen. So entstehen ambivalente Bildaussagen von Explodierenmüssen und sanfter Melancholie, die zu einem aktiven Protest gegen die scheinbare Hilflosigkeit wird. In diesem Verständnis bilden die schwarzen Linien Eingrenzungen des Inneren gegen Äußeres, womit auch die Einordnung wirbelnder Objekte zeitweise Ruhe verschafft. Die Bilder Buluts vermitteln all jenen mehr Standfestigkeit, die dem Einfluß des anderen mehr erliegen, als selbst erwünscht. Bertolt Brecht würde anmerken: nur Betonklötze vibrieren nicht.