Zur Malerei von Erdogan Bulut

Text von Dorothee Baer-Bogenschütz, Wiesbaden, Oktober 1991

Du wähnst, sicher dazustehen und stark zu sein; aber ein zufälliger Farbton in einem Zimmer oder ein Morgenhimmel, ein besonderer Geruch, den du einmal geliebt hast und der versteckte Erinnerungen beschwört, eine Zeile aus einem vergessenen Gedicht, die dir plötzlich wieder einfällt, ein paar Tonreihen aus einem Musikstück, das du längst nicht mehr gespielt hast: – ich sage dir, Dorian, von solchen Dingen hängt unser Leben ab!

Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

Gute Malerei macht sich in der jungen Kunstszene derzeit nicht gerade breit. Selbst Künstler, die wirklich malen können, scheuen oft genug zurück vor dem in traditioneller Weise gemalten Bild wie Dorian Gray vor dem Spiegel. Ist wie bei Oscar Wildes Schöngeist die Furcht vor der Selbsterkenntnis mit im Spiel?

Anstatt Bilder zu malen, jonglieren viele junge Künstler lieber mit einem Arsenal von Abbildern. Konzeptuelles Arbeiten und experimentelles Vorgehen sind Schlagworte, die noch den blödesten Versuch, aus Banalem Kunst zu destillieren, bemänteln sollen. Dabei setzt Gegenwartskunst oft Patina an, noch bevor sie ausgestellt wird.

Erdogan Bulut ist eine Ausnahme. Er scheut weder die Malerei, noch die Tradition und fürchtet auch die Selbstbespiegelung nicht. Als Wegweiser für die oft unwegsamen Gefilde seiner Malerei ist der Terminus der „Individuellen Mythologien“ treffend. Auch wenn er seit fast 20 Jahren im Gebrauch ist, um die neue Subjektivität der damals aktuellen Kunst gegen den tendenziell objektiven Charakter der vorangegangenen abzugrenzen.

Nur waren von vielen Künstlern , die sich hier eine Zeitlang gern rubrizieren ließen, die wirklich individuellen Mythologien gar nicht gefragt. Stellen sie doch das Individuum, das sie zur Darstellung bringt, in jedem Fall bloß.
Erdogan Bulut hat da keine Hemmungen. Oscar Wilde sagt: „Alle Kunst ist gleichzeitig Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche geht, tut es auf eigene Gefahr. Wer das Symbol erklärt, tut es auf eigene Gefahr.“

Bulut weiß das. Wenn er malt oder den Werdegang seiner Bilder erläutert, tut er dies im ausgeprägten Bewußtsein um die Gefährdung seiner Person. Es mag sein geistiges Erbe sein, das dem Kurden, der seit mehr als zehn Jahren in Deutschland lebt, einen besonders wachen Blick garantiert. Bulut kultiviert sein Gespür für die archaische Form, für Poesie und Traum und für die Einflüsse des ganz Alltäglichen auf das persönliche Befinden.

Derart sensibilisiert kann er gar nicht anders als subjektiv malen. Auch dort, wo er sich tief in die Problemzonen der Menschheitsgeschichte hineinwühlt und den Kampf zwischen Mensch und Tier, Urzeit und Jetztzeit, Trieb und Geist darstellt. Andere Bilder sind mit wenigen Worten erklärbar, können zum Beispiel „vom Himmel inspiriert“ sein, wie der Künstler bekennt. Dann ist der dämmrige Winter verantwortlich für ein schwarzes Bild.

„Ein Bild kommt mir wie ein Film vor, es gibt Haupt- und Nebenrollen“, sinniert Bulut. Viele seiner Gestalten fallen mitunter aus den ihnen zugewiesenen Rollen heraus und agieren als komplexe Zwitterwesen, sind halb Tier, halb Mensch. Sie wirbeln umeinander, suchen Standorte, finden sie nicht, erstarren in einer Bewegung oder wiederholen sie endlos. Bulut inszeniert Kämpfe ohne Sieger, grundsätzlich haben alle Mitspieler Aussicht auf einen bedeutsamen Part.

Die Titel, die Erdogan Bulut seinen Gemälden gibt, stehen in engem Zusammenhang mit ihrer Entstehungsgeschichte. Nicht immer kann der Betrachter die Benennung sogleich nachvollziehen. So bezieht sich „Die Ameisenkönigin und ich“ auf die Begegnung mit einem Mädchen.

„Die Farben kommen von draußen“, erklärt der Maler die Entscheidung für ein Kolorit. Die Erlebnisse aber, die in seinen Bildern verdichtet werden, kommen von draußen und drinnen: Buluts Malerei entzündet sich an Blicken in die Welt wie an Forschungsreisen durch die Seele.

Ohne Titel‘, 2003, Öl/LW 200×200 cm

Ohne Titel‘, 2003, Öl/LW 200×200 cm

Ein häufig wiederkehrendes Thema ist Knechtschaft und Unterdrückung. Auf die rohe Gewalt weist Bulut ebenso hin wie auf den subtilen Terror.

Düsteres Preußischblau ist der Grundton einer Reihe neuer Arbeiten. Vor ihrem Hintergrund fragt der Maler individueller Mythologien, ob denn die Freiheit ein Mythos ist, und wie das Individuum die Unheilbarkeit der Welt überlebt.