Film: Spielplatz | playground
2013-2014, 72min, HD

Intention:

Der Künstler Erdogan Bulut will uns warnen und uns daran erinnern, wie kostbar und einmalig jedes Leben und unsere Welt sind.  “Ich habe kurdische Wurzeln, in einer uralten Sprache, die durch Assimilation verloren geht. Sie ist für mich ein Beispiel, dass wenn alles kaputt ist, – – ist es nicht mehr herstellbar.”, sagt der Künstler und beginnt den Film mit einem Text über kleine und große, innere und äußere Reisen und über die Malerei u.a. auf Englisch, Deutsch und Zaza.

Inhalt:

Der Film “Spielplatz beschreibt den Zustand unserer Welt, ihre Schönheit in farbintensiven Szenen, die aufbrechenden Vergangenheiten in düsteren Farben, eine Zukunft im Jetzt – als Architektur, als Chance, als Vorschlag entgegengesetzt den Konflikten, den Kriegen, der Vernichtung unserer Welt. Er führt uns durch unsere bedrohte Welt.

Umsetzung:

Es ist ein ungewöhnlicher Film, der in keine Schublade passt. Auch wenn der Film gemalt und gezeichnet ist, er ist kein Zeichentrickfilm, der Figuren bewegt. Aber alles ist handgemalt und gezeichnet. Wie ein ruhiger Fluss fließen die Szenen (ohne Schnitt), ineinander verschränkt eröffnen sich Bildräume von seltener Intensität. Eine fesselnde, tiefe Soundcollage kommuniziert kontemplativ mit den Bildebenen.

Ausgangspunkt sind Kinder, stellvertretend für alle Kinder auf unserer Welt. Endpunkt ist die Vorstellung und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens. Dazwischen liegen Welten: Kunsträume ohne Boden, Einsamkeit, Kriminalität, Faschismus, atomare Katastrophen – sind es vergangene Zeiten, ist es die Jetztzeit oder die Zukunft?  Die Sonne ist verkehrt zu einem verkohlten Baum, der schwarze Äste in den Himmel schickt. Und dann wieder Landschaften von betörender Schönheit, nie gesehene Farben und Formen. Die Erde als grüner Planet. Symbolisch wird sie von einer menschlichen Hand gehalten. Gott ist in uns oder spielen wir einen vermeintlichen Gott, der entscheidet zwischen Leben und Tod und dabei die Existenz der Erde riskiert?

Menschen gezeichnet von harter Arbeit, von Schmerz, von Krieg. Körperhaltungen individuell erfühlt, gefunden, gesehen, diese Momente der Zärtlichkeit und die konträren, verlogenen Machtgesten von Zärtlichkeit, autokratischer Vernichtung von Leben, das Bild des Zuges, der nicht aufzuhalten scheint und ultimative Zerstörung transportiert. Kinder dann als Material. Ein Mann, der eine zarte Frau, die ein Gewand mit Faltenwurf trägt, im Bild anschreit, aber ein Hund bellt. Das Bild der Gruben, die sich mit toten Schädeln füllen oder Löcher, die einreißen, Wasser verschlingend oder Wasser, das einbricht und zerstört. Feuer, das leise lodert, Feuer, das zerstört…

Zart sind die Anklänge an längst vergangene Zeiten, an Mythen der Menschheit als aktuelle Ereignisse ohne Pathos beschrieben, einen Schmerz im Herzen hinterlassend, als würden wir die Welt jetzt im Moment verlieren. Alle Aktualität dieser Malerei,  ihre Kraft, ihr Verständnis von Plastizität, von Raum, von Zeit – basierend auch auf den Errungenschaften von Wissenschaft und Forschung – aber eben auch auf Intuition und genauem Blick, verschmelzen hier zu einem originären künstlerischen Ausdruck und höchst individuellen Ausdruck eines Aufschreis für das Leben, der mit Guernica vergleichbar ist.

Getragen von der Konsequenz des gleichmäßigen Fließens zwischen den Zeiten und Räumen, dem Ausgangspunkt der Kinder als aufbrechendes junges Leben, die darin für die Zukunft stehen, ist ein filmisches Kunstwerk entstanden, das sowohl die Malerei in aller Tiefe reflektiert und ihre Kraft entfaltet als auch die filmischen Mittel zur Blüte treibt.

Dann, wenn die Klänge zur Melodie werden, brechen sie ab, weil sie nicht kaschieren wollen, aber erinnern und wachrufen, sie brechen Gefühle an oder beruhigen sie wieder. Der Film weicht nicht ab von seiner Wahrheitssuche, seinem Hinsehen, er akzeptiert keine Fluchten und schenkt dafür die Vielfalt und den Facettenreichtum von Wahrhaftigkeit. Sie ist hier ein Erlebnis, das die Sinne umschließt. Mensch, Natur, Architektur, Objekt, Verstand, Gefühl, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eins und darin unmittelbar erfahrbar für uns. Irritierend fremd manchmal, doch eigentümlich vertraut.

Wir sind Teil des Raum- und Zeitkonzeptes, wir suchen nach abstrakt fassenden Begrifflichkeiten aus Denkräumen, als Teil unseres Raum- und Zeitkonzeptes, als Mittel beim Begreifen und Beschreiben, doch der Film lotet Raum und Zeit weiter und differenzierter, unterschiedlicher aus, unsere Denkkonzepte sind nicht letztendlicher Schluss, die der Künstler sucht, sie funktionieren nicht als Interpretation. Ein eigenwilliger Rhythmus entsteht beim Betrachter, getragen von Bildern, Gedanken und Emotionen. Bei jedem Sehen des Films erschließen sich neue Räume, neue Welten, neue Zusammenhänge, ein neuer Rhythmus, obwohl der Film gleichmäßig fließt.

Der Film ist vor den Angriffen des IS entstanden, als hätte der Künstler dies geahnt.
Symbolhaft ist der Holocaust hier Sinnbild aller stattfindenden und stattgefundenen Völkermorde, die Verbindung zu den Kindern Sinnbild für die Hilflosigkeit und das Ausmaß der Ungerechtigkeit der Opfer von Krieg und Unterdrückung, das Köpfen Ausdruck martialischer Gewalt, Hitler Sinnbild des autokratischen Gewaltherrschers…

Der Film hat einen augenfälligen Bezug zu unserer deutschen Kultur, Menschen alleingelassen in ihrer Vereinsamung, die Architektur, sowohl die futuristisch anmutenden Bauten als auch die typisch deutschen Häuser und die Straßenansichten, sind ebenso einfühlsam beschrieben wie die Erinnerungen an Bombennächte und die in Brand gesetzten Häuser im jetzigen Deutschland. Und da sind Bilder, die eben auch an die Sintflut erinnern könnten, aber deutlich die Umweltzerstörung und den Klimawandel als menschliches Produkt meinen.

Die Alternative zu Krieg und Zerstörung, die der Künstler anbietet ist das letzte stillstehende Bild. Der Film kommt zur Ruhe, es herrscht Frieden und Teilhabe. Ein Mann im Rollstuhl spielt Flöte. Kinder spielen. Die Erwachsenen achten die Kinder. Die letzte Szene spielt im Grünen. Es ist eine paradiesische Szene ohne dass Milch und Honig fließen, kein Jungbrunnen ist zu sehen, sondern Freiheit und Frieden. Ein schwesterlicher und brüderlicher Umgang besteht zwischen den Menschen. Es ist ein Bild der Beziehung zum Leben, nicht zur Utopie, aber es wirkt wie eine Utopie. Dieses Paradies könnte jetzt sein.

Der Künstler Erdogan Bulut lässt uns teilhaben an seinem Blick auf unsere Welt, an seinem Gefühl für unsere Welt, an seinem empfindsamen Verstehen ihrer Gefährdung. Vieles an diesem Blick lässt in uns Erinnerungen wach werden. Er entlarvt dabei Weltbilder, die zerstören.


Intention:

The artist Erdogan Bulut wants to warn us and remind us just how precious and unique every life – and our world itself – are. “I have Kurdish roots in an ancient language which is being lost through assimilation. For me this is an example that when everything is broken it can no longer be recreated.”, says the author, and begins the film with a text about long and short, inward and outer journeys, and about painting – among others in English, German and the Zaza languages.

Content:

The film “Spielplatz” describes the condition of our world; its beauty in intensely colourful scenes; bygone times – breaking out in sombre colours and a future beginning now – as architecture, as a chance, as a proposal diametrically opposed to the conflicts, the wars, the annihilation of our world. It leads us through our threatened world.

Realisation:

It is an unusual film that doesn’t fit into any category.  Even though the film is drawn and painted it is by no means a cartoon film with moving figures. However, everything is painted and drawn by hand. Like a calm river, the scenes flow (without cuts), revealing intertwined pictorial spaces of rare intensity. A captivating, low-pitched sound collage communicates contemplatively with the imagery of the film.

Initially we see children, representing all the children of our world. The end point is the conception and the possibility of a peaceful coexistence. There are worlds lying in between: Artificial bottomless spaces, loneliness, crime, fascism, atomic catastrophes – are these times gone by, is it the present or the future? The sun is on the wrong side of a charred tree which stretches its black branches into the sky. And then again landscapes of beguiling beauty, colours and shapes never seen before. The earth as a green planet which symbolically is held by a human hand. God is in us, or are we playing at being a putative god who decides between life and death and risks the very existence of the earth in doing so?

People disfigured by hard labour, by pain, by war. Postures individually conceived, encountered, seen, these moments of tenderness; and the contrary, mendacious gestures of power, feigned affection, autocratic destruction of life; the image of the runaway train, which apparently cannot be stopped, and which is carrying the ultimate annihilation. Children then as material. A man pictured shouting at a fragile-looking woman wearing a e robe falling in opulent drapery, but one hears a dog bark. The image of pits filling up with human skulls or holes which tear open, engulfing water or inundating destructive waters.  Fire quietly burning, quietly destroying …

There are tender reminiscences of times long past, on the myths of humanity as current events, described without false sentimentality and leaving behind a pain in the heart as if we were losing the world now in this moment. The topicality of this painting, its strength, its understanding of plasticity, of space and time – also based on the achievements of science and research – but also based on intuition and a sharp eye, fuse together here to an original artistic expression and highly individual articulation of an outcry for life itself – comparable with Guernica.

Driven by the consequence of the even flow between times and spaces, from the starting point of the children as new young life, who represent the future, a cinematic work of art has been created which profoundly reflects and develops all the force of the painting as well as bringing the filmic transformation to full ascendancy.

When the tones become a melody they break off, because they don’t want to conceal, but rather remind or awaken. They arouse sensations or they soothe them again. The film does not deviate from its quest for the truth. Closely observing, it does not accept escapes but instead presents the multi-faceted riches of veracity. Here, this is an experience which encompasses all the senses. People, nature, architecture, object, intellect, feelings, past, present and future are one and the same and as such we experience their striking immediacy – irritatingly strange at times, however in the end, curiously familiar.

We are part of the space and time concept, we are searching for abstractly grasping terminologies from intellectual spheres as part of our space and time concept, as tools for understanding and describing. The film though fathoms space and time broadly – in a more sophisticated, more differentiated way – our thought concepts are not the ultimate conclusion that the artist is searching for. They don’t work as interpretations. The viewer experiences an unconventional rhythm of images, thoughts and emotions. Every time the film is seen, new spaces, new worlds, new connections, and a new rhythm are revealed although the film flows evenly.

The film was made before the IS was established, almost as if the artist had anticipated this. Here, the Holocaust is the symbol for all genocides of the past and the present. The connection with the children is the symbol for helplessness and for the degree of injustice meted out to the victims of war and oppression.  Decapitation represents martial violence and Hitler  is the embodiment of a dictator.

The film relates consciously to our German culture. People left isolated with their loneliness, the architecture – both futuristic looking buildings as well as typically German houses and street scenes – are just as sensitively described as are the memories of the nights of bombing and the burning houses caused by arson in the Germany of today. And there are images which could also remind us of the Flood of biblical proportions but which clearly point to environmental degradation and climate change as the product of human activity.

The alternative to war and destruction which the artist offers is the final, motionless image. The film comes to rest. Peace and social participation prevail. A man in a wheelchair plays the flute. Children play. The adults watch over them. This final scene is in the countryside. It a is a paradisical scene. There is no milk and honey flowing however, and no fountain of youth is visible, but simply freedom and tranquillity abounds. There are brotherly and sisterly relations between people. It is an image of the relationship with life not with utopia, although it seems like utopia. This paradise could be now.

The artist Erdogan Bulut allows us to participate in his view of our world, in his feelings for our world and in his sensitive understanding of its hazardous condition. Much of what we see in this view awakens memories in us. As a result, he unmasks world views which destroy.